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Auf ein Wort

Jahreslosung 2016

Jemanden richtig zu trösten ist eine hohe Kunst! Weniger eine Kunst des Verstandes als unseres Herzens. Wer schon einmal versucht hat, jemanden zu trösten, der wahrhaft untröstlich ist, kennt das Gefühl der eigenen Ohnmacht gut. Worte versagen. Gesten bleiben unbeholfen. Und doch kommt es ohne Worte und Gesten nicht aus. Vielleicht ist es aber gerade das Unzulängliche und Hilflose, das den wahren Trost kennzeichnet.
 
Vertröstung dagegen will anderes. Sie will das Leid verharmlosen: „Zeit heilt alle Wunden“. Sie will relativieren: „Anderen geht es doch noch schlimmer!“ Sie will ihm einen Sinn überstülpen: „Du wirst sehen – das hier macht dich stärker!“ Aber in Wirklichkeit will Vertröstung nur die Flucht ergreifen. Sie will sich dem Leid nicht aussetzen müssen.
 
Ganz anders Gott! In der Jahreslosung stellt er uns Menschen Trost und eben nicht Vertröstung in Aussicht. Er flieht nicht, sondern er bleibt! Er bleibt auf eine spezielle Art: wie eine Mutter! In seinem Trost gilt ein doppeltes Zulassen. Ich darf es zulassen, dass ich selbst des Trostes bedarf. Ich kann auch einfach einmal nicht weiter wissen! Mit meinem Latein am Ende sein. Mir mutterseelenallein vorkommen. Dass er uns wie eine Mutter tröstet, heißt dann doch: Er lässt uns seine Kinder sein! Nicht seine Erwachsenen! Ich sehe dabei Kinder vor Augen, die einfach nur lauthals weinen, wenn sie gefallen sind. Sie sind nur Schmerz; unvernünftig, unbeherrscht und irgendwie ungerecht in ihrem Urteil. Sie dürfen das! Und wir dürfen solcherart Kinder sein, die Trost wirklich brauchen. Das Bedürfnis nach Tröstung zulassen! Gott selbst lässt seinerseits unseren trostbedürftigen Moment erst einmal zu. Er tröstet so, wie Mütter es am besten können: Indem sie ihren Kindern einfach nur sich selbst anbieten.
 
Anders als wir Väter bieten sie den Kindern nicht gleich eine Lösung für ihre Not. Sie können es erst einmal zulassen, dass das Kind sich in ihren Armen ausweinen muss. Bis ein Aufatmen, ein tiefes Seufzen aus ihren kleinen Seelen kommt! Darum hängt „trösten“ in der Sprache der Bibel mit aufatmen“ zusammen. Nicht alle Mütter können das. Und Väter fehlen nicht minder darin! Wir versagen oftmals in der Kunst, durch Herzensnähe zu trösten. Gott selbst jedoch hat seine Nähe nicht auf Sparflamme gestellt.
 
Peter-Thomas Stuberg, SuperintendentIn Jesus Christus hat er selbst wirkliche Trostlosigkeit erlitten. Am Kreuz nur Spott geerntet, obwohl er sich nach Nähe gesehnt hätte. Ja selbst Gottes Nähe hat er geglaubt zu entbehren. „Warum hast du mich verlassen?“ Diese Worte sind weiträumig genug, dass ich in ihnen seine tröstende Nähe finde. Sie trösten wirklich, wenn ich selbst seines Trostes bedarf. Des Trostes, dass er da ist, standhält und nicht flieht. Des Trostes, der weiß, dass Leiden irgendwann ein Ende hat, auch wenn ich es im Moment nicht ahnen kann. Der weiß, dass erst nach einem ersten Aufatmen ein neues Bewegen möglich wird. Und der wartet geduldig wartet, bis die Zeit dafür reif ist.
 
In diesem Sinne wünsche ich uns ein getrostes neues Jahr!
Peter-Thomas Stuberg, Superintendent